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Folge 76

ADHS bei Erwachsenen: Modediagnose oder jahrelang übersehen? | Prof. Alexandra Philipsen

31. August 2026 · 48 Min · mit Nils Labitzke & Leonard Kühn
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ADHS bei Erwachsenen: Modeerscheinung oder lange übersehene Diagnose?

ADHS bei Erwachsenen wird zunehmend diagnostiziert, aber nicht, weil plötzlich mehr Menschen betroffen sind. Prof. Dr. Alexandra Philipsen, Leiterin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn, ordnet im Gespräch die Zahlen ein: Die Diagnoserate bei Erwachsenen ist laut Krankenkassendaten von 0,2 auf 0,6 Prozent gestiegen, geschätzt betroffen sind aber etwa 2,5 Prozent der Bevölkerung. Es wird also nicht zu oft, sondern eher immer noch zu selten diagnostiziert, bei Kindern ist die Rate dagegen stabil.

Philipsen forscht seit über 20 Jahren zu ADHS im Erwachsenenalter, ein Thema, das zu Beginn ihrer Laufbahn als Nischenthema galt. Für Medizinstudierende und alle, die selbst betroffen sein könnten, ist das relevant: ADHS verschwindet nicht einfach mit 18, sondern zieht sich häufig über die gesamte Lebensspanne und wird oft erst spät erkannt, mit entsprechenden Folgen für Alltag, Beruf und Gesundheit.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus der Folge

Warum wird ADHS bei Frauen so oft übersehen?

Frauen mit ADHS werden im europäischen Vergleich drei bis vier Jahre später diagnostiziert als Männer, erklärt Philipsen. Vorher bekommen sie häufig andere Diagnosen, etwa eine Depression, und entsprechend andere Behandlungen wie Antidepressiva, was laut Philipsen „eigentlich wahrscheinlich eine Fehldiagnostik und Fehlbehandlung" bedeutet.

Ein Grund dafür liegt im Erscheinungsbild: Frauen zeigen im Gruppenvergleich tendenziell etwas weniger motorische Hyperaktivität, die sich im Erwachsenenalter eher nach innen richtet, und etwas weniger Impulsivität als Männer. Die Aufmerksamkeitsproblematik selbst ist nach Philipsens Angaben gleichermaßen ausgeprägt, fällt aber weniger auf. Hinzu kommt häufig eine emotionale Instabilität mit raschen, manchmal nicht klar herleitbaren Stimmungswechseln, die eine ADHS-Diagnose zusätzlich verschleiern kann.

Auch bei den Begleiterkrankungen verschiebt sich das Bild: Während Männer ohne ADHS tendenziell häufiger Suchtprobleme und Frauen häufiger Depressionen entwickeln, wird dieser Unterschied bei ADHS kleiner. Frauen mit ADHS haben laut Philipsen ein verhältnismäßig höheres Suchtrisiko als Frauen ohne ADHS, Männer mit ADHS ein verhältnismäßig höheres Depressionsrisiko als Männer ohne ADHS.

Ab wann ist ADHS wirklich eine Diagnose?

Viele Menschen erkennen einzelne ADHS-Symptome bei sich selbst, etwa Konzentrationsschwierigkeiten unter Stress. Das allein ist laut Philipsen noch keine Diagnose. Sie beschreibt ADHS als Spektrum beziehungsweise Dimension, ähnlich wie Blutdruck oder Angsterkrankungen auch dimensional verstanden werden.

Als Beleg führt Philipsen die MTA-Studie an, eine Langzeituntersuchung, die eine Kohorte von Kindern und Jugendlichen über Jahre begleitete. Nur 10 bis 15 Prozent der Untersuchten lagen durchgängig über der diagnostischen Schwelle, die Mehrheit von 60 Prozent lag je nach Lebensumständen mal darüber, mal darunter. Für eine klinische Diagnose müssen die Symptome laut Philipsen über die Lebensspanne so ausgeprägt sein, dass sie zu einer nachweisbaren Beeinträchtigung führen, etwa im Studium, im Beruf oder im Alltag.

Entscheidend ist dabei eine sorgfältige Diagnostik: Philipsen lässt sich einen Lebenslauf und Zeugnisse zeigen, führt eine Fremdanamnese mit einer weiteren Person durch und nutzt validierte Fragebögen, ohne sich allein auf einen Punktwert zu verlassen. Von reinen Online-Tests oder einmaligen Video-Terminen rät sie ab, Patientinnen und Patienten sollten mindestens zweimal persönlich gesehen werden. Auch auf Social Media sieht sie ein Risiko: Studien zufolge werden Inhalte, die diagnostische Kriterien korrekt wiedergeben, seltener geteilt als zugespitzte, unterhaltsame Darstellungen, was das Konzept ADHS in der öffentlichen Wahrnehmung verwässern kann.

Medikamente oder Psychotherapie: Was hilft wirklich?

In der von Philipsen geleiteten Kompass-Studie wurde Methylphenidat gegen Psychotherapie und Placebo getestet. Auf die Kernsymptome von ADHS wirkte die Medikation stärker als die Psychotherapie, ein Ergebnis, das Philipsen nach eigener Aussage als Psychotherapieforscherin selbst überrascht hat. Bei sekundären Kriterien wie der Zufriedenheit mit der Behandlung und dem allgemeinen klinischen Gesamteindruck schnitt dagegen die Kombination aus Medikation und Psychotherapie am besten ab, während die reine Placebo-Gruppe mit Klinikmanagement am schlechtesten abschnitt.

Psychotherapie und Strategien wie Achtsamkeitstraining wirken nach Philipsens Angaben vor allem auf Lebensqualität und berufliche Zufriedenheit, weniger direkt auf die Kernsymptomatik selbst. Bei einer stark ausgeprägten ADHS mit deutlicher Beeinträchtigung würde sie, wenn nur eine Option zur Verfügung steht, die Medikation wählen.

Ein verbreiteter Mythos betrifft die Abhängigkeitsgefahr von Stimulanzien wie Methylphenidat. Laut Philipsen ist eine Abhängigkeit durch eine reguläre ADHS-Behandlung in der Regel kein relevantes Risiko, im Gegenteil wirkt sich eine Behandlung mit Stimulanzien bei bestehendem ADHS eher günstig auf das Risiko einer zusätzlichen Suchterkrankung aus. Abschreckend wirkt aus ihrer Sicht vor allem, dass die Präparate der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung unterliegen, was bei manchen Patientinnen, Patienten und auch Behandelnden Unsicherheit auslöst.

Unser Gast: Prof. Dr. Alexandra Philipsen

Prof. Dr. Alexandra Philipsen leitet die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn und forscht seit über 20 Jahren zu ADHS im Erwachsenenalter. Sie hat unter anderem die Kompass-Studie geleitet, eine der zentralen Untersuchungen zur Wirksamkeit von Methylphenidat im Vergleich zu Psychotherapie bei Erwachsenen mit ADHS, und beschäftigt sich in eigener Forschung auch mit neurobiologischen und sensorischen Aspekten der Erkrankung.

Häufige Fragen zu ADHS bei Erwachsenen

Kann ADHS auch erst im Erwachsenenalter neu entstehen?

Nein, laut Philipsen gibt es kein ADHS, das im Erwachsenenalter völlig neu beginnt. Die Symptome bestehen bereits über die Lebensspanne, werden aber manchmal erst später zur Beeinträchtigung, etwa wenn die Anforderungen in weiterführender Schule, Studium oder Beruf steigen.

Warum wird ADHS bei Frauen oft erst spät erkannt?

Weil sich ADHS bei Frauen im Gruppenvergleich oft anders zeigt: etwas weniger sichtbare Hyperaktivität und Impulsivität, dafür häufiger emotionale Instabilität. Das führt laut Philipsen dazu, dass Frauen im europäischen Vergleich drei bis vier Jahre später diagnostiziert werden und vorher häufig andere Diagnosen wie Depression erhalten.

Macht Methylphenidat abhängig?

In der Regel nicht. Laut Philipsen ist eine Abhängigkeit durch eine reguläre ADHS-Behandlung mit Stimulanzien selten, bei bestehendem ADHS wirkt sich die Behandlung eher schützend auf das Risiko einer zusätzlichen Sucht aus. Ein erhöhtes Risiko besteht vor allem bei Menschen mit bereits bestehender Suchtproblematik.

Wie läuft eine seriöse ADHS-Diagnose bei Erwachsenen ab?

Laut Philipsen gehört dazu mehr als ein Fragebogen: Lebenslauf und Zeugnisse, eine Fremdanamnese durch eine weitere Person, validierte Interviews und mindestens zwei persönliche Termine. Erst wenn die Symptome über die Lebensspanne nachweisbar zu einer Beeinträchtigung führen, stellt sie die Diagnose.

Ist ADHS eine Modeerscheinung, die zu oft diagnostiziert wird?

Nach den von Philipsen zitierten Krankenkassendaten eher nicht: Nur rund 0,6 Prozent der Erwachsenen sind diagnostiziert, geschätzt betroffen sind etwa 2,5 Prozent. Die gestiegene Aufmerksamkeit in den Medien hat demnach vor allem zu mehr Bewusstsein geführt, nicht zu einer Überdiagnostik.

Was hilft besser bei ADHS, Medikamente oder Psychotherapie?

In der Kompass-Studie von Philipsen wirkte Methylphenidat stärker auf die Kernsymptome als Psychotherapie. Für Zufriedenheit, Lebensqualität und berufliche Situation zeigte sich dagegen die Kombination aus Medikation und Psychotherapie als besonders hilfreich.

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Diese Inhalte dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Beratung im Einzelfall. Wenn du Medizin besser verstehen möchtest, folge Glans & Gloria und verpasse keine neue Folge.

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