Polypharmazie: Warum ältere Menschen oft zu viele Medikamente nehmen
Polypharmazie bedeutet, dass ein Mensch fünf oder mehr Medikamente gleichzeitig einnimmt. Gerade bei älteren Menschen ist das eher die Regel als die Ausnahme: Blutdruck, Blutzucker, Gelenkschmerzen, und schon stehen sechs Präparate auf dem Medikamentenplan. Das Problem ist nicht die Zahl an sich, sondern dass oft niemand mehr genau weiß, warum ein Medikament genommen wird, und dass Nebenwirkungen im Alter ganz andere Folgen haben können.
Darüber sprechen wir mit Prof. Dr. med. Petra A. Thürmann, klinische Pharmakologin an der Universität Witten/Herdecke. Sie hat die PRISCUS-Liste mitentwickelt, die Medikamente auflistet, die bei älteren Menschen möglichst vermieden werden sollten.
Für Medizinstudierende und junge Ärztinnen und Ärzte ist das Thema hochrelevant, denn fast jede Verordnung im Alter berührt die Frage: Braucht diese Person das wirklich noch? Und für Angehörige lohnt sich der Blick auf den Medikamentenplan von Eltern und Großeltern.
Die wichtigsten Erkenntnisse aus der Folge
- Fast 50 Prozent der Älteren bekommen ein potenziell ungeeignetes Medikament. Laut Prof. Thürmann liegt das vor allem an den Protonenpumpenhemmern Pantoprazol und Omeprazol, die sehr viele ältere Menschen dauerhaft einnehmen.
- Magenschutz ist nicht automatisch harmlos. Protonenpumpenhemmer können auf lange Sicht dazu beitragen, dass weniger Kalzium aufgenommen wird. Das kann zu Osteoporose führen und bei einem Sturz zum Oberschenkelhalsbruch.
- Viele Medikamente laufen ohne Grund weiter. In eigenen Projekten konnte das Team von Prof. Thürmann fast jeden zweiten Protonenpumpenhemmer absetzen, weil niemand mehr wusste, warum er verordnet worden war.
- Verschreibungskaskaden sind häufig. Bei fast jedem älteren Menschen mit Polypharmazie findet Prof. Thürmann ein Medikament, das gegen die Nebenwirkung eines anderen gegeben wird.
- Einmal im Jahr ein Kassensturz. Ab etwa 65 Jahren sollten Hausärztinnen und Hausärzte nach hausärztlicher Leitlinie die Medikamente einmal jährlich systematisch überprüfen.
- Frauen haben mehr Nebenwirkungen. Laut Prof. Thürmann zeigen alle Statistiken, dass Frauen mehr Nebenwirkungen haben als Männer und im Schnitt etwas mehr Medikamente bekommen.
- Absetzen ist schwieriger als Verordnen. Angst vor Vorwürfen, Leitlinien und die Sorge der Patientinnen und Patienten machen Deprescribing in der Praxis kompliziert.
Was ist eine Verschreibungskaskade und warum wird sie so oft übersehen?
Eine Verschreibungskaskade entsteht, wenn die Nebenwirkung eines Medikaments als neue Erkrankung gedeutet und mit einem weiteren Medikament behandelt wird. Laut Prof. Thürmann ist das bei älteren Menschen mit Polypharmazie fast immer zu finden.
Ein Klassiker: Ein Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Naproxen in höherer Dosis kann den Blutdruck steigen lassen. Die Hausärztin merkt nur, dass der Blutdruck schlechter eingestellt ist, und gibt einen weiteren Blutdrucksenker dazu, ohne zu wissen, dass der Orthopäde gerade eine Ibuprofen-Kur verordnet hat.
Besonders tückisch wird es, wenn Nebenwirkungen wie typische Alterserscheinungen aussehen:
- Probleme beim Wasserlassen werden als Blasenerkrankung oder vergrößerte Prostata gedeutet.
- Zittern nach Metoclopramid gegen Übelkeit wird für einen beginnenden Parkinson gehalten.
- Dicke Füße werden als neues Problem behandelt.
Dazu kommt ein menschlicher Faktor: Viele Patientinnen und Patienten mögen ihre Hausärztin und sagen ihr ungern, dass es ihnen seit einem neuen Medikament schlechter geht. Deshalb rät Prof. Thürmann, systematisch nachzufragen: Warum nehmen Sie das? Seit wann? Und könnte das eine Nebenwirkung des anderen Medikaments sein?
Warum sind Nebenwirkungen im Alter so gefährlich?
Nebenwirkungen, die bei jungen Menschen harmlos sind, können im Alter schwere Folgen haben. Prof. Thürmann beschreibt eine Kette, die konstruiert klingt, aber so vorkommt: Ein hoch dosiertes Antibiotikum macht müde, der ältere Mensch muss nachts zur Toilette, ist leicht schwindelig, stolpert über die Teppichkante und bricht sich den Oberschenkelhals, weil der Protonenpumpenhemmer die Knochen schon geschwächt hat.
Ein junger Mensch mit verschwommenem Sehen weiß, dass er heute nicht Auto fahren sollte. Fällt er hin, steht er wieder auf. Bei älteren Menschen addieren sich diese Kleinigkeiten.
Zwei Arten von Nebenwirkungen sind laut Prof. Thürmann besonders ungünstig: Medikamente, die das Denken beeinträchtigen, und Medikamente, die die Mobilität einschränken und damit die Sturzneigung erhöhen. Das junge Gehirn ist resilienter. Ist die Denkfähigkeit im Alter schon an der Grenze, kann ein Medikament, das die Kognition beeinflusst, den Zustand deutlich verschlechtern.
Manchmal bedeutet gute Medizin deshalb Abwägung: Muss der Blutdruck einem Lehrbuchwert entsprechen, wenn der dritte Blutdrucksenker Schwindel und Stürze verursacht? Laut Prof. Thürmann entscheiden sich die meisten Patientinnen und Patienten im Gespräch gegen weitere Stürze.
Was ist die PRISCUS-Liste und wie nutzt man sie?
Die PRISCUS-Liste ist eine deutsche Liste von Wirkstoffen, die bei älteren Menschen möglichst vermieden werden sollten, weil sie zum Beispiel das Sturzrisiko erhöhen oder die Denkfähigkeit einschränken können. Sie entstand in einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsverbund.
Vorbild war die amerikanische Beers-Liste von 1991, benannt nach dem Geriater Mark Beers. Für Deutschland passte sie aber nicht, weil der Arzneimittelmarkt ein anderer ist. Die PRISCUS-Liste war ursprünglich nur ein kleines Arbeitspaket. Nach der Veröffentlichung im Deutschen Ärzteblatt wurde sie laut Prof. Thürmann überraschend schnell zum Standard. 2010 ging es los, inzwischen wurde sie überarbeitet.
So hilft die Liste in der Praxis:
- Für Ärztinnen und Ärzte nennt sie Alternativen und Nebenwirkungen, auf die man achten sollte.
- Für Laien gibt es eine Broschüre, die unter anderem in Altenheimen genutzt wird.
- Am Ende bleibt die Abwägung im Einzelfall: Ist das Medikament wichtig, gibt es eine Alternative, und was passiert ohne Verordnung?
Warum ist Deprescribing so schwierig?
Deprescribing, also das gezielte Absetzen von Medikamenten, scheitert in der Praxis oft nicht am Wissen, sondern an Kommunikation und Angst. Wer einer langjährigen Patientin einfach sagt, ein Medikament sei nicht mehr nötig, löst laut Prof. Thürmann schnell Kopfkino aus: Hat mich mein Arzt aufgegeben? Spart die Krankenkasse an mir?
Dazu kommen Leitlinien, die etwa bei Herzinsuffizienz automatisch mehrere Medikamente vorsehen, und die Sorge vor Vorwürfen, wenn nach dem Absetzen etwas passiert. Laut Prof. Thürmann braucht es deshalb gute Evidenz für das Absetzen, inzwischen gibt es für viele Medikamente randomisierte Absetzstudien, und ein Training für die Gesprächsführung.
Unser Gast: Prof. Dr. med. Petra A. Thürmann
Prof. Dr. med. Petra A. Thürmann ist Fachärztin für Klinische Pharmakologie und forscht an der Universität Witten/Herdecke zur Arzneimitteltherapie im Alter. Sie leitete die Entwicklung der PRISCUS-Liste, die potenziell ungeeignete Medikamente für ältere Menschen in Deutschland zusammenfasst. Als klinische Pharmakologin arbeitet sie fächerübergreifend und beschäftigt sich mit Polypharmazie, Nebenwirkungen und geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Medikation.
Häufige Fragen zu Polypharmazie
Ab wie vielen Medikamenten spricht man von Polypharmazie?
Von Polypharmazie spricht man international ab fünf gleichzeitig eingenommenen Medikamenten. Laut Prof. Petra Thürmann ist das zwar eine gesetzte Zahl, epidemiologische Untersuchungen zeigen aber, dass ab etwa diesem Punkt die Nebenwirkungen zunehmen. Polypharmazie ist zunächst eine neutrale Feststellung. Entscheidend ist, dass bei jedem Medikament klar ist, warum es genommen wird, und dass Wechselwirkungen geprüft werden.
Wie oft sollten Medikamente im Alter überprüft werden?
Nach hausärztlicher Leitlinie sollten die Medikamente bei älteren Menschen, meist ab 65 Jahren, einmal im Jahr überprüft werden. Prof. Thürmann nennt das den Kassensturz. Dazu gehört, bei jedem Medikament nachzufragen, warum und seit wann es genommen wird und ob Beschwerden eine Nebenwirkung eines anderen Medikaments sein könnten. Auch ein Krankenhausaufenthalt kann ein Anlass für diese Überprüfung sein.
Sind Protonenpumpenhemmer wie Pantoprazol gefährlich für ältere Menschen?
Protonenpumpenhemmer wirken gut gegen Magensäure, sind aber laut Prof. Thürmann nicht automatisch harmlos. Auf lange Sicht können sie dazu beitragen, dass weniger Kalzium aufgenommen wird, was Osteoporose begünstigen kann. Da ältere Menschen häufiger stürzen, steigt das Risiko für einen Oberschenkelhalsbruch. Deshalb sollte regelmäßig geprüft werden, ob der Magenschutz noch nötig ist. Absetzen sollte man ihn nur nach ärztlicher Rücksprache.
Was können Angehörige tun, wenn Oma oder Opa viele Medikamente nimmt?
Angehörige sollten den Medikamentenplan nicht eigenmächtig zusammenstreichen. Laut Prof. Thürmann lohnt es sich aber, nachzufragen, wenn über Nebenwirkungen geklagt wird: Seit wann besteht das Problem, und wofür ist das Medikament? Viele ältere Menschen erzählen ihren Enkeln eher von Schwindel als ihrem langjährigen Hausarzt. Dann hilft es, sie zu ermutigen, das in der Praxis offen anzusprechen.
Haben Frauen mehr Nebenwirkungen als Männer?
Ja, laut Prof. Thürmann zeigen alle Statistiken, dass Frauen mehr Nebenwirkungen haben als Männer. Sie bekommen im Schnitt etwas mehr Medikamente, darunter häufiger Antidepressiva, Schlaf- und Schmerzmittel, die im Alter ungünstige Nebenwirkungen haben können. Außerdem unterschreitet die Nierenfunktion bei Frauen eher bestimmte Grenzwerte, ab denen die Dosis reduziert werden müsste. Das wird laut Prof. Thürmann häufig vergessen.
Mehr von Glans & Gloria
- Alle Folgen auf glansundgloria.de
- Glans & Gloria auf Spotify
- Glans & Gloria auf YouTube
- Glans & Gloria auf Instagram
Die Inhalte dieser Folge dienen der Information und ersetzen keine ärztliche Beratung. Bitte setzt Medikamente nie ohne Rücksprache mit eurer Ärztin oder eurem Arzt ab. Wenn du Medizin besser verstehen möchtest, folge Glans & Gloria und verpasse keine neue Folge.