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Folge 81

Lernen: Warum sich gute Methoden falsch anfühlen | Dr. Carolina Kuepper-Tetzel

26. Oktober 2026 · 75 Min · mit Nils Labitzke & Leonard Kühn
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Wie lernt man effektiv? Was die Lernforschung für das Medizinstudium empfiehlt

Wie lernt man effektiv, wenn der Stoff riesig ist und die Prüfung näher rückt? In dieser Folge sprechen wir mit Dr. Carolina Kuepper-Tetzel, Kognitionspsychologin an der University of Glasgow, über evidenzbasierte Lernstrategien. Sie forscht seit ihrer Doktorarbeit in Mannheim dazu, wie sich Wissen langfristig im Gedächtnis verankern lässt, und wendet diese Erkenntnisse in echten Klassenzimmern und Hörsälen an.

Viele von uns lernen intuitiv: Kurz vor der Klausur alles hineinpauken, Texte mehrfach lesen, Karteikarten in gewohnter Reihenfolge durchklicken. Laut Kuepper-Tetzel ist das verständlich und kein Grund, sich schlecht zu fühlen. Die Forschung zeigt aber, dass es Stellschrauben gibt, mit denen Lernen nachhaltiger und weniger stressig wird.

Das Gespräch dreht sich um verteiltes Lernen, aktiven Abruf, erwünschte Schwierigkeiten, die Rolle von Hinweisreizen im Gedächtnis, Konzentration und Pausen und darum, was Vorlesungen heute leisten können.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus der Folge

Warum ist Cramming für das Langzeitgedächtnis keine gute Strategie?

Cramming funktioniert kurzfristig, aber das Gelernte ist laut Dr. Kuepper-Tetzel genauso schnell wieder vergessen. Wer am nächsten Tag eine Klausur schreibt, kann mit massiertem Lernen gut abschneiden. Wer das Wissen eine Woche oder einen Monat später braucht, hat oft keinen Zugriff mehr darauf.

Ihre Daumenregel: Je länger man sich über einen Zeitraum immer wieder mit dem Stoff befasst und ihn reaktiviert, desto länger bleibt er verfügbar. Dazu kommt ein zweiter Vorteil. Mit Vorwissen lässt sich neues Wissen besser speichern und integrieren, man spart also in Zukunft Lernzeit. Gerade im Medizinstudium, wo Stoff aufeinander aufbaut, ist das relevant, etwa wenn man sich für das Staatsexamen wieder in Themen einarbeitet, die man schon einmal gelernt hat.

Verteiltes Lernen heißt dabei nicht, mehr Zeit aufzuwenden. Die Reaktivierung kann laut Kuepper-Tetzel in kleinen Häppchen passieren, die nicht Stunden dauern, verteilt über mehrere Wochen und Monate.

Was ist aktiver Abruf und warum ist er besser als Wiederlesen?

Aktiver Abruf (Active Recall, englisch Retrieval Practice) bedeutet, Inhalte aus dem Gedächtnis zu holen, statt sie noch einmal zu lesen. Bei Karteikarten heißt das: erst weglegen, dann versuchen, sich anhand von Stichwörtern zu erinnern und sich Inhalte selbst zu erklären. Laut Kuepper-Tetzel ist das eine Strategie, die bei Lernenden unterschiedlichen Alters und in verschiedenen Fächern funktioniert und sich besonders für die Medizin eignet, weil dort viele Fakten gelernt werden müssen.

Als Alltagsbeispiel nennt sie Telefonnummern. Wir kennen die eigene oder eine aus der Kindheit, weil wir sie oft abgerufen haben. Nummern, die wir nur eingeben oder nachschauen, bleiben nicht.

Dazu passt eine Geschichte aus ihrer Forschung: Eine Bachelorstudentin hatte eine Landkarte drei Monate lang angeschaut, konnte sie aber nur in zwei Details aus dem Gedächtnis nachzeichnen. Das zeigt laut Kuepper-Tetzel, wie unser Wissen über das eigene Wissen uns täuschen kann. Wiederlesen muss nicht ausfallen, sollte aber nicht die Hauptstrategie sein, zum Beispiel als Feedback, ob man etwas richtig verstanden hat.

Was sind Desirable Difficulties und was ist Interleaving?

Desirable Difficulties, erwünschte Schwierigkeiten, ist ein übergreifendes Konzept: Lernbedingungen, die sich anstrengender anfühlen, führen laut Kuepper-Tetzel zu besseren Langzeitergebnissen. Leichtes Lesen erzeugt ein Vertrautheitsgefühl, das uns einredet, wir wüssten etwas schon. Aktiver Abruf ist dagegen unbequem, zeigt aber direkt, was man weiß und was nicht, und kann deshalb auch motivieren.

Ein weiteres Beispiel ist Interleaving. Statt jedes Subthema der Anatomie nur am Stück zu lernen, werden verschiedene, verwandte Themen gemischt. Während der Lernphase schneiden Studierende damit laut Kuepper-Tetzel meist schlechter ab, weil zwischen den Themen vergessen wird und Fehler passieren. Langfristig halten aber diejenigen ihre Leistung, die gemischt gelernt haben, während bei reinem Blocklernen die Leistung später oft sinkt.

Welche Rolle spielen Hinweisreize und Kontext beim Lernen?

Unser Gedächtnis hängt stark von Hinweisreizen, sogenannten Cues, ab. Beim Lernen speichern wir nicht nur das Zielwissen, sondern auch Kontextvariablen wie Raum, Temperatur oder Stimmung. Das bekannte Beispiel: Man geht vom Wohnzimmer in die Küche und weiß nicht mehr, was man wollte, bis man zurück im Wohnzimmer ist.

Heißt das, jeden Tag in einem anderen Raum zu lernen? Laut Kuepper-Tetzel würde die Contextual Variability Theory das nahelegen, die Studienlage ist aber nicht so einfach. In einigen Studien, in denen Kontextvariablen manipuliert wurden, fand sich kein Effekt. Sie empfiehlt stattdessen eine praktische Form von Variabilität: Inhalte in wechselnder Reihenfolge lernen, anderen etwas erklären und Karteikarten nicht immer in derselben Reihenfolge durchgehen. Sonst wird die vorherige Karte zum Cue für die nächste, und in der Prüfung fehlt dieser Hinweis.

Anki, Pomodoro und Flow: Wie bleibt man konzentriert?

Zu Anki sagt Kuepper-Tetzel: Wird der Abruf zur reinen Routine, ist der Mehrwert gering. Sinnvoll ist, bei jeder Karte zu fragen, welches Wissen man darüber hinaus noch abrufen kann. Bei Multiple-Choice-Fragen kann man eine Distraktor-Antwort wählen und überlegen, wie die Frage lauten müsste, damit genau diese Antwort richtig wäre.

Für Pausen gilt: Die klassische Pomodoro-Technik mit 25 Minuten Fokus und fünf Minuten Pause empfiehlt sie, aber 25 Minuten sind für manche zu lang. Besser sind zehn Minuten echte Konzentration, die man bei Bedarf verlängert. Die größte Ablenkung sei das Handy, und zwar nicht nur bei Studierenden. Wer im Flow ist, sollte laut Kuepper-Tetzel dabeibleiben. Flow entsteht bei ihr eher bei kreativen Aufgaben und beim Lösen von Problemen kurz vor dem Durchbruch.

Unser Gast: Dr. Carolina Kuepper-Tetzel

Dr. Carolina Kuepper-Tetzel ist Psychologin und forscht an der University of Glasgow zu Lernen, Gedächtnis und der Optimierung von Lernerfahrungen von Studierenden. Sie studierte und promovierte in Mannheim, war als Postdoc an der York University in Toronto und an der Washington University in St. Louis und arbeitet seit 2020 in Glasgow. Sie gibt Workshops für Lehrende und hat nach eigener Aussage an dem englischsprachigen Studierendenratgeber „Ace the Test" mitgeschrieben.

Häufige Fragen zum effektiven Lernen

Ist Cramming vor der Klausur wirklich schlecht?

Laut Dr. Carolina Kuepper-Tetzel funktioniert Cramming, um am nächsten Tag zu performen. Der Stoff wird aber genauso schnell wieder vergessen. Wer das Wissen später braucht, zum Beispiel im nächsten Semester, profitiert mehr von Lernen, das über die Zeit verteilt ist und bei dem der Stoff immer wieder reaktiviert wird.

Was ist besser: Karteikarten selbst schreiben oder Anki nutzen?

Dazu gibt es laut Kuepper-Tetzel keine starke Evidenz für das eine oder andere. Entscheidend sei der Abruf: Der ist die dominante Strategie, um Wissen später zu behalten und anzuwenden. Bei Notizen sei die Forschung ambivalent, es hänge unter anderem von der Komplexität des Materials und vom Vorwissen ab.

Muss ich für eine Prüfung in zwei Wochen anders lernen als für eine in drei Monaten?

Nein, nicht grundsätzlich. Laut Kuepper-Tetzel sollte aktiver Abruf in beiden Fällen vorkommen, und beides lässt sich über die Zeit verteilen. Mit mehr Zeit kann man größere Pläne machen, Bekanntes weglassen und noch nicht Verankertes priorisieren. Das ist laut ihr zudem weniger stressig.

Wie lange sollte man ohne Pause lernen?

Laut Kuepper-Tetzel gibt es keine feste Zahl. Pomodoro nutzt standardmäßig 25 Minuten, für manche sind aber zehn Minuten echte Fokuszeit realistischer und besser als 25 Minuten mit Ablenkung. Wer im Flow ist, sollte nicht unbedingt unterbrechen.

Sind Vorlesungen noch zeitgemäß?

Kuepper-Tetzel sieht nicht die Vorlesung selbst als Problem, sondern ihre Qualität. Kleine Quizzes und Demonstrationen aktivieren Studierende. Außerdem sei die Vorlesung ein Gemeinschaftsort, an dem informelles Wissen und Austausch zwischen Studierenden entstehen. In Glasgow werden Vorlesungen zusätzlich aufgenommen, was sie inklusiver macht.

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Die Inhalte dieser Folge dienen der Information und ersetzen keine ärztliche oder pädagogische Beratung im Einzelfall. Wenn du Medizin und Lernen besser verstehen möchtest, folge Glans & Gloria und verpasse keine neue Folge.

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